Feld bei Sonnenaufgang (Foto: Hojabr Riahi)

Interview zur Nachernte

Interview mit Bauer Heinrich Hannen zur Nachernte-Aktion auf dem Lammertzhof.

Was steckt hinter dem Nachernte-Angebot?

Die Nachernte ist mir persönlich ein großes Anliegen: Ich bin überzeugt, dass sich doppelt so viele Menschen von unseren Feldern versorgen könnten. Dafür muss sich der Standard vom Aussehen frischer Lebensmittel wieder in Richtung „ich gebrauche auch die Missfits“ ändern. Immer mehr Mahlzeiten werden außer Haus eingenommen und für die Vorstufen, wie z.B. Kartoffelschälerei oder Gemüseaufbereitung, wird nur äußerliche 1a Ware verwendet, die für die maschinelle Verarbeitung bestimmte Größen und glattrunde Form haben muss. Damit sich also wirklich etwas ändert, muss man auch bereit sein mal ein Messerchen in die Hand zu nehmen und etwas wegzuschneiden. Die Wahrnehmung der Lebensmittel und auch die Bereitschaft zur Handarbeit sind also wichtige Faktoren. Die nachgeernteten Lebensmittel schmecken genau so gut wie Güteklasse I – und je nach Zubereitung erkennt man auch optisch keine Unterschiede.

Seit wann bietet der Lammertzhof eine Nachernte an?

Vor über vier Jahren habe ich mit anderen engagierten Menschen den Verein Lebensmittel-fair-teilen gegründet, um den eben genannten Missständen etwas entgegen zu setzen. Der Verein hat sich zwei Schwerpunkte für seine Arbeit gesetzt: zum einen Aufklärung und die Schärfung der bewussten Wahrnehmung dieser Problematik und zweitens Schaffung von Beispielen, wie diese Spirale der Verschwendung durchbrochen werden kann. Auf unserer Internetseite stellen wir einige der Aktionen vor, die wir diesbezüglich unternommen haben.

Zur Zeit ist von diesen Aktionen die „Nachernte“ über geblieben, deren Idee bei den zahlreichen Treffen des Vereins entstand. Auf unserem Hof war die „Nachernte“ am Samstag die sechste in drei Jahren.

Wie ist die Resonanz?

Bei der ersten Nachernte waren etwa 20 Menschen. Mit jeder Aktion hat sich die Anzahl danach gesteigert. Diesmal waren es geschätzt etwa 200 Menschen. Ich halte das auch für das Limit, was organisatorisch und tatsächlich vertretbar ist: Jeder Teilnehmer kann so noch ausreichend viel sammeln und wir können den Überblick behalten, ob sich alle an die Spielregeln halten.

An wen richtet sich das Angebot?

Das Gute bei solchen Aktionen ist, dass wir neben vielen Kunden auch sehr viele neue Gesichter kennenlernen, die vielleicht bisher mit unserem Hof und/oder Biolandwirtschaft noch nichts zu tun hatten. Einen Stereotypen für die Nachernte gibt es nicht, schwerpunktmäßig kommen Familien, auch mit kleinen Kindern, bei denen dann auch manchmal der Spaß im Vordergrund steht. Eines der schönsten Bilder ist es, wenn das Kind über das Feld läuft und sich freut, weil es ein bekanntes Gemüse entdeckt hat und dieses auch mit eigenen Händen „ernten“ konnte. Dennoch steht für uns die Vermeidung der Lebensmittelverschwendung im Mittelpunkt, nicht die Kinderbelustigung. Das kommunizieren wir auch ganz klar.

Was wird nachgeerntet?

Dieses Jahr waren das Kartoffeln, Rote Bete, Möhren, Maiskolben, Radieschen, Sellerie, verschiedene Salate und Kräuter. Grob geschätzt würde ich sagen, das hierdurch rund 1,5 – 2 Tonnen Lebensmittel fairteilt werden konnten.

Wie verbreitet ist das Nachernte-Angebot?

Oft werden Nachernten bei Hofbesuchen von Kindergarten- oder Schulgruppen angeboten, meistens auf dem Kartoffelacker. Nachernten in dem Umfang und der Intention wie wir sie mit fair-teilen anbieten, haben meines Wissens nach wenig Verbreitung. Das lässt sich auch recht einfach erklären: Es ist mit viel Aufwand verbunden, die entsprechenden Bereiche abzustecken und die Gruppen zu betreuen. Pro Termin müssen hier rund 7-8 Stunden gerechnet werden. Dazu kommt Materialeinsatz für Beschilderungen, Feldpläne etc. Diesen Mehraufwand bekommt man nicht nur nicht bezahlt, sondern er lenkt auch von der eigentlichen Tätigkeit, dem Anbau bzw. der Ernte von einwandfreiem Gemüse ab – und von dessen Verkauf leben wir Bauern und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter letztlich.

 

 

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